Die Stimmen im Kopf oder: Warum sind wir so hart zu uns selbst? Teil 3

 

In der neuen Artikelreihe wollen wir uns einmal diese fiesen kleinen Stimmchen im Hinterkopf genauer betrachten, die so viel an unserem Verhalten steuern und uns in die Falle der Überforderung und Erschöpfung locken, ohne dass wir es so richtig merken oder gar wollen. Woher kommen die überhaupt, was machen sie mit uns und wie können wir sie entfernen – oder zumindest leise drehen?

 

In this new series of articles we'll take a closer look at those pesky little voices in our heads that control so much of our behaviour, luring us deep into the traps of overwhelm and exhaustion before we even notice. Where do they come from, what do they do to us and how can we remove them – or at least turn the volume down?

 

 

Neben den Triebfedern des Nett-sein-müssens und der (scheinbaren) Wertlosigkeit sehe ich oft eine weitere Form von Überforderung, die hinter der pflichtbewußten Maske noch andere Ursachen verbirgt.

 

Wenn ich es nicht mache, dann macht es ja keiner!“

 

Auf den ersten Blick kommen hier eindeutig Pflichtbewußtsein und ein gutes Stück Frust zusammen. Wir alle kennen solche Menschen, die stets die Drecksarbeit für andere miterledigen und das dann auch mehr oder weniger deutlich die Welt wissen lassen. Einerseits freut man sich, dass der Kelch an einem selbst vorbeiging und dass es Menschen mit einem so ausgeprägten Gefühl für Pflichten gibt. Vielleicht haben wir auch einen Anflug von schlechtem Gewissen, denn unsere Untätigkeit hat diesem armen Geschöpf ja weitere Arbeit aufgebürdet. Wir hätten das möglicherweise auch selbst machen können.

Doch gleichzeitig schwingt da auch eine Mischung aus Vorwurf und Stolz mit. „Könnt ihr euren Kram nicht mal selbst erledigen!?“ trifft auf „Guck mal, wie wichtig ich bin, ohne mich bricht hier alles zusammen!“

Wer schon mal versucht hat, die lieben Mitmenschen über solche Vorwürfe zur Arbeit zu motivieren, weiß, wie sinnlos im Grunde schon der bloße Denkansatz ist. Durch Genörgel bekomme ich niemanden dazu, dass er anpackt. Dennoch wird es tagtäglich viele tausend Mal so gemacht.

Warum eigentlich? Geht das nicht besser und vor allem effektiver? Was steckt hinter diesem Verhalten?

Drehen wir die Sache doch mal um – sagen wir, der Chef gibt uns einen Arbeitsauftrag. Wenn er gut in seinem Job ist und etwas über Mitarbeiterführung gelernt hat, wird er das ungefähr so formulieren: „Frau Meier, bitte kümmern Sie sich um Aufgabe X. Es muss bis Y fertig sein.“

 

Eine klare Ansage: Was ist zu tun? Wer soll es tun und bis wann?

 

Davon findet sich im vorwurfsvollen „...sonst macht es ja keiner“ nicht die Spur. So ziemlich jeder von uns kennt das Spielchen aus der Kindheit, gerne gesehen beim Zimmer aufräumen – man musste einfach nur jedes Mal Mutters schlechte Laune einen Moment lang aushalten und vielleicht was nuscheln von „Ja ja, gleich“. Schwups, war die Sache für einen erledigt und man musste sich nicht darum kümmern.

 

Woher dieses Verhalten eigentlich kommt? Ich würde sagen, es stecken verschiedene (falsche) Annahmen dahinter.

Zum einen geht die Fragestellerin (dieses Phänomen ist mir zumindest bislang überwiegend bei Frauen begegnet) davon aus, dass ihr Kind/Mann/... exakt erraten kann, wie und wann sie die Aufgabe erledigt haben möchte.

Genaue Details, vielleicht auch einzelne Unterpunkte („Mach zuerst dein Bett und dann räum bitte die Kleidung in den Schrank und zwar bis zum Abendessen“) fehlen komplett.

Zum anderen ist sie - unbewußt - der Ansicht, dass es zu ihrer Rolle als Frau gehört, sich um den kompletten Haushalt (oder was immer das zu erledigende Projekt ist) ALLEIN zu kümmern. Die 50er mit ihrem völlig unrealistischen Bild der Super-Hausfrau lassen grüßen.

Daher verzichtet sie darauf, die Mitbewohner schon bei der Planung einzubinden und die Aufgaben entsprechend zu verteilen. Resultat: Außer ihr kennt niemand das große Ganze mit seinen unsichtbaren Details. Zum einen macht sie das in der Tat unverzichtbar, allerdings bleiben die anderen außen vor und ahnen oft nicht einmal, was so alles hinter den Kulissen passieren muss, damit Hotel Mama stets warmes Essen und saubere Kleidung parat hat. Spätestens wenn diese Dame nun doch mal ausfällt, herrscht zuhause im Handumdrehen das Chaos, denn niemand weiß ja, was zu tun ist. Niemand kann sich darum kümmern, dass zumindest Grundbedürfnisse wie Essen oder bezahlte Rechnungen abgedeckt werden.

 

Ein dritter Grund steckt nach meiner Erfahrung zusätzlich in diesem Mechanismus – die Harmoniesucht, dem Wunsch, unbedingt bei allen beliebt zu sein. Wenn ich alle unpopulären Arbeiten mache, hat niemand was zu meckern und vielleicht ist jemand sogar froh über mich.

 

Je älter die Mitstreiter sind, desto eher kann man mit ihnen natürlich über Sinn und Unsinn mancher Arbeit diskutieren – wenn man es denn möchte -, aber bestimmte Arbeiten sind nun mal notwendig und auch die längste Debatte am Esstisch oder in der Teamsitzung macht sie nicht überflüssig.

Ja, das gibt am Anfang den ein oder anderen bösen Blick, aber auch hier ist ein bisschen Geduld Gold wert. Menschen mögen es nämlich, wenn man ihnen etwas zutraut und eine Aufgabe, die man selbst gemeistert hat, macht unheimlich stolz.

 

Was ist also hier die Lösung – oder sagen wir lieber, EIN möglicher Weg zur Lösung?

 

Zum einen muss ich meinen Stolz etwas zurechtstutzen und zugeben, dass auch ohne mich der Laden laufen wird; vielleicht nicht exakt so, wie ich es tun würde, aber lange das Endresultat stimmt, geht es doch.

Viele gute Pläne scheitern hier. Sich selbst nicht so ernst zu nehmen und die eigene Wichtigkeit vielleicht eher auf anderen Gebieten zu zeigen...das macht natürlich Angst. Was bleibt von mir, wenn ich nicht wenigstens die perfekte Hausfrau und Mutter bin? Die perfekte Organisatorin im Sportverein? Der Liebling aller Kollegen?

Antwort: Erstaunlich viel. Der „Nur-Heimchen-am-Herd-Blick“ wurde uns in den letzten Jahrzehnten mit unglaublicher Härte ins Gehirn und die Mentalität gemeißelt. Es braucht ein gehöriges Stück Gelassenheit und Selbstvertrauen (das nicht immer sofort da ist), um die Lücken zu füllen. Stichwort Wachstumsschmerzen. (Es lohnt sich aber gewaltig, so viel sei verraten!)

 

Zum anderen muss ich meinen Familienmitgliedern/Kollegen/... klarmachen, dass alle in einem Boot sitzen und sich niemand vor zumindest einem Stückchen Arbeit drücken kann. Als Belohnung hilft gerne mal der Hinweis, dass man selbst dann dieses Rumgenörgel an den anderen ja endlich sein lassen kann...;-)

Die eigentliche Arbeitsanweisung so klar und deutlich wie möglich ausdrücken!

Nicht etwa, weil unsere Mitmenschen begriffsstutzig wären, sondern weil es schlicht um Informationen geht; die „verbale Dekoration“ lenkt hier nur ab.

Ein abschreckendes Beispiel ist mir einmal in einem Warteraum begegnet: Neben mir saß eine junge Mutter mit ihrem kleinen Sohn, vielleicht 2 Jahre alt. Als nun dieser Junge das Spielzeug eines anderen Kindes mitnehmen wollte, hielt die Mutter eine eindrucksvolle Rede, die in etwa so ging:“Hallo mein Schatz, würdest du der Mama eventuell mal einen Gefallen tun, also wenn du vielleicht magst, und könntest du so nett sein, dem Kind dort drüben irgendwann sein Spielzeug zurückzugeben?“

Ob hier Ironie im Spiel war – ich weiß es nicht.

Ich weiß aber, dass es mich eine Menge Beherrschung kostete, hier nicht einzugreifen und zu zischen: „Verdammt, dein Kind ist noch viel zu klein, er versteht davon nichts als Blablabla! Drück dich klarer aus!“

Entsprechend tat der Junge natürlich auch nicht, was die Mutter von ihm forderte...!

Ein schlichtes „Schatz, gib bitte das Spielzeug wieder zurück“ hätte hier seinen Zweck mit Sicherheit besser erfüllt.

 

Was denken Sie zu diesem Thema, liebe Leserinnen und Leser? Sind Sie dafür, dagegen oder ganz anderer Meinung? Wollen Sie mehr dazu lesen? Was immer auch Ihre Meinung ist, lassen Sie es mich in den Kommentaren wissen!

 

 

Along with the drivers of having-to-be-nice and (seeming) worthlessness I often see another form of overwhelm which hides other causes behind a dutiful mask.

 

If I don't do it, nobody else will!“

 

At first sight this is obviously a collision of a strong sense of duty and a good heaping of frustration. We all know such people who will always do others' dirty work and then let the world know about it more or less clearly. On the one hand you feel glad that you were spared that ordeal and that there are people with such a strong sense of duty. Maybe you also feel a hint of guilt for your inaction burdened this poor creature with additional work. You might have done this yourself.

Yet at the same time this has a feel of reproach and pride. „Can't you take care of your stuff yourself!?“ meets „Look how important I am; without me everything would come crashing down!“

If you've ever tried to motivate your fellow humans for work with the help of such reproaches, you know how utterly useless even the intellectual approach is. Still this is how it is done every day many thousand times.

So why is this? Can't we do this a bit better and, more importantly, in a more effective way? What is the cause of such behaviour?

Let's take a different look at it – say, our boss gives us a task to work at. If he is good at his job and has learned a bit about leadership, he'll phrase his request something like this: „Mrs Meier, please take care of task X. It is due on day Y“.

 

A clear declaration: What needs to be done? By whom and until when?

 

You can't find even a hint of that in the reproachful „...or nobody will do it“ Just about anyone of us knows this game from our childhood, often with chores such as tidying your room – you only had to endure Mother's bad mood for a moment and maybe mumble something like „Yeah, later“. In one fell swoop the thing was done for you, no need to take responsibility.

 

So where does this behaviour come from originally? I dare say there are several (false) beliefs behind all of this.

Firstly the enquirer assumes that her child/husband/...(so far I've only ever encountered this phenomenon with women) are mindreaders to know how and when she would like to have the chore finished. Exact details, maybe even some order in them („First, make your bed and then put your clothes in the wardrobe; until dinner time“) are lacking completely.

Secondly she – unconsciously – holds the opinion that it is part of her role as a woman to take care of the entire household (or whatever the job to be done is) ALL BY HERSELF. A nod to the fifties and their totally unrealistic image of the super housewife.

Thus she avoids involving her housemates as early as the planning stage and delegating the tasks respectively.

Result: Nobody except her knows the greater picture and the invisible details. On the one hand she does make herself irreplaceable but the others are left out and often have no idea just how much has to be done for „Hotel Mum“ to be able and keep warm food and clean clothes ready.

By the point when this lady does become incapacitated, all hell will break loose in her home for nobody knows what has to be done on a daily base. Nobody can take care of covering at least the basic needs such as food or bills getting paid on time.

 

Judging from my experience there is often a third reason at play in this mechanism – the drive for constant harmony, also known as people pleasing. If I take on all the unpopular chores, nobody has a reason for whining and maybe someone is even glad to have me.

The older your comrades-in-arms are, the easier it is to have a discussion with them about whether certain jobs are necessary or not – if you truly want to – but some tasks are simply essential and even the longest debate at the dining table will not turn them into something superfluous.

Yes, you will get angry looks at first, but a little patience is worth its weight in gold. You see, people like it when you have confidence in their abilities and a job that you managed to do yourself will make you proud.

 

So what is the solution here – or, rather, ONE possible way to a solution?

 

On the one hand I need to take down my ego a bit by admitting that even without me, things will be going well; maybe not in the exact same way that I would do them, but as long as the final result is the same, it's ok.

A lot of great plans fail at this mark. Not taking yourself too seriously, maybe trying to show your importance in other fields – that's scary. What will remain of me if I am not at least a perfect homemaker? Answer: so much it'll amaze you! That „only a housewife and mother“ kind of view has been chiseled into our brains and our mentality for decades with relentless fervor. It takes a good deal of self confidence and serenity – which may not immediately be at hand – to fill those gaps. Speak of growing pains. (Though it is worth the effort, that much I can say!)

 

On the other hand I need to point out to my family members/colleagues/... that we are in this together, that nobody can refuse to do at least some small task. Stating that you can finally stop nagging may be a good reward to get everyone on track ;-)

Keep the actual assignment as clear and as precise as possible!

It's not because our fellow humans could be dim-witted, it's because what counts in this case is pure information - „verbal decoration“ is only a distraction.

I once encountered a deterrent example in a waiting room: Next to me sat a young mother with her son, maybe two years old. When this boy wanted to take home another child's toy, his mother gave a rather impressive speech that ran something like this:“Hello my darling, would you please do Mommy, well, sort of a little favor – only if you like to – and could you please be so nice and give that toy back to the other kid at some point ?“

Whether this was a case of irony – I don't know.

What I do know, though, is that it took me a whole lot of self-control to not interfere and hiss:“Damn it, your child is way too young, all he understands is bla bla bla! Get to the point!“

Obviously the boy never did what his mother asked him to...

Simply saying „Darling, please give that toy back“ would certainly have been more effective.

 

What do you think about this topic, my dear readers? Do you agree, disagree; maybe you have an entirely different opinion? Would you like to read more about this? Whatever your opinion is, feel free to let me know in the comments section!

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